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Walfried Morscher, 95 Jahre

Der Zeitzeuge Walfried Morscher stand im März 2017 dem Gemeindearchiv Rankweil für ein Gespräch zur Verfügung. Der frühere Sonderschullehrer, reiselustige Kaktussammler und langjährige Wegwart des Alpenvereins Rankweil wünscht sich, 105 Jahre alt zu werden.

Die ersten Erinnerungen von Walfried Morscher setzen im „Hörnlingen” in der Bahnhofstraße ein, wo seine Eltern Otto Morscher (1890-1952) und Augusta geb. Berle (1894-1974) mit ihren Kindern Helmut (1920-1941) und Walfried in einer Wohnung „über dem Geschäft” lebten. Dort wurde Walfried Morscher am 20. August 1923 geboren.

Der Vater war „Eisenbahner”, die Mutter war Tochter des „Sonnenwirts” in der Stiegstraße. Gegenüber vom Gasthaus Sonne baute Otto Morscher zwischen 1926-1928 ein Haus für seine Familie, das er mit einem Kredit der Bausparkasse Wüstenrot finanzierte. Im neuen Haus wurde die jüngere Schwester Gerda (1930-1998) geboren, die als Lehrerin an der Volksschule („Fräulein Morscher”) ebenfalls Teil der Geschichte Rankweils wurde.

Das Elternhaus
An den Hausbau in der Stiegstraße erinnert sich Walfried Morscher kaum, aber ihm sei bekannt, dass es sich um das erste Haus in Rankweil mit Eisenbeton handelt: „Der Papa war ja bei der Eisenbahn in Feldkirch. Und am ,Schneeberg’ hat man Rösser gehabt. Am Morgen ist er dann mit dem Fuhrwerk hineingefahren und hat Eisen, alte Eisenbahnschienen, gekauft und aufgeladen. Am Abend ist er damit nach Hause gefahren.” Für die Mauer des Fundaments wurden Steine aus der Frutz verwendet. Die „Frutz-Bölla” habe man mit dem Fuhrwerker „Speckle” zur Baustelle gebracht und aufgehäuft. An den Haufen Steine erinnert sich Walfried Morscher noch gut: „Da ist Einer davor gestanden, hat Pfeife geraucht und immer den Stein angeschaut, ihn vielleicht ein bisschen umgedreht, den Schlegel genommen, und auf einen Schlag ist der große ,Bolla’ ganz genau durchgebrochen.”

Haus und Garten
Im Gasthaus Sonne sind vor allem Arbeiter und Eisenbahner verkehrt. So haben sich die Eltern von Walfried Morscher vermutlich kennengelernt. Zu der Zeit habe es in Rankweil wohl etwa 20 Wirtschaften gegeben, erzählt Herr Morscher, davon seien die meisten aber keine „Vollwirtschaften” gewesen. Man habe gemostet und eine eigene Obstpresse gehabt mit 150-Liter-Fässern. Augusta Morscher habe erzählt, sie hätte nicht länger den Gästen „beim Jassen zuschauen” wollen, und darum wurde die „Sonne” um 1920 verkauft. „Die Mutter ist dann Hausfrau gewesen.”, erzählt Walfried Morscher. „Wir haben immer einen großen Garten gehabt. Wir haben jedes Jahr so um die 50-80 kg Johannisbeeren verkauft, und so um die 50 kg Himbeeren. Und mit dem Geld hat man im Sommer ,Häs’ (Kleider) für uns Kinder gekauft. Der Papa hat gerne Rosen gepfropft und wenn es eine Schöne gab, gefragt: Kann ich ein ,Zweigle’ haben?”

In den dreißiger Jahren waren viele Männer arbeitslos. Auch Otto Morscher wurde von seinem Dienst als Eisenbahner „freigestellt”. Jedem boten sie 100.000 Schilling, damit er geht. Aber weil der Baukredit abzuzahlen war, ist Otto Morscher geblieben, hat monatlich 100 Schilling bekommen, und musste so zwei Jahre lang überbrücken, bis er wieder eingestellt wurde, erzählt Walfried Morscher. „Aber man hat Eier, Erdäpfel und ,Türka’ (Mais) gehabt und so überlebt. Uns hat man noch mit Riebel aufgezogen. Am Morgen und am Abend hat es Riebel gegeben früher. Und hie und da auch gebratene Erdäpfel dazu. Nur am Sonntag hat die Mama dann einen Zopf gemacht oder einen Gugelhupf.”

Krieg und Verwundung
1941 wurde Walfried Morscher mit 18 Jahren noch vor dem Schulabschluss am Gymnasium Feldkirch zum Arbeitsdienst nach Wagrein im Pongau geschickt. Im Mai 1942 kam er zum Militär in Innsbruck und im August desselben Jahres zum Wachdienst und als Sanitäter unter anderem nach Finnland und Norwegen.

Walfried Morscher und Josefa geb. Madlener (1924-1979) trafen sich während einem Fronturlaub. Ihr Bruder Hans war mit ihm oben im Norden, und sie sind miteinander 1943 in den Urlaub gefahren. „Seine Schwester kam zu uns herüber, um zu fragen, wann wir wieder zurück müssen, und dann haben wir angefangen zu schreiben.”, erzählt er. Josefas Bruder ist im Krieg gefallen. Walfried Morscher wurde am 7. Oktober 1944 verwundet und kam am 4. Jänner 1945 über viele Umwege zurück nach Feldkirch ins Lazarett: „Das war ein ,Tausend Gulden-Schuss’, hat man im Ersten Weltkrieg gesagt. Ein Fernschuss ist es gewesen, durch das Gelenk. Ich bin Sanitäter gewesen, aber wir haben nie einen Verband gemacht, wir haben nur Verletzte oder Tote zurück gebracht. Und ich hab’ danach zum Glück laufen können, denn wer nicht laufen hat können, ist liegen geblieben.” Durch das Phosphor in der Munition konnte die Wunde nicht heilen. Walfried Morscher musste mehrmals operiert werden, konnte aber dazwischen mit einem Gips am Arm nach Hause. „Da hat praktisch meine Friedenszeit angefangen. Weil ich Gott sei Dank nicht in Gefangenschaft gewesen bin. Viele sind damals von der Gefangenschaft über die Furka zu Fuß heim, dort oben sind die Franzosen gekommen und haben sie nach Frankreich geschickt oder über den Arlberg zurück. Und ich hab’ buchstäblich können einfach daheim sitzen und hab’ gesehen, wie die ersten Franzosen da über die Stiegstraße kamen.”

Das junge Paar Josefa und Walfried traf sich auch auf „Orsanka” , einer kleinen Parzelle hinauf nach Fraxern mit fünf Häusern. „Im dritten Haus war meine Frau daheim.”, erinnert sich Walfried Morscher. „Die haben damals praktisch von den Kirschen gelebt. Sie haben auch vier ,Schwänz’ (Kühe) gehabt, und zwei Geißen. Aber das Kirschen-Geld hat man gebraucht, um die Feuerversicherung zu zahlen. Wenn ein schlechtes Kirschen-Jahr gewesen ist, haben sie müssen einen ,Schwanz’ verkaufen. Hundert Meter weiter oben ist der Waldrand gewesen. Von den Buchen dort hat man die Bucheckern gesammelt und in die Schweiz hinüber gebracht. Drüben ist eine Mühle gewesen, wo man sie gemahlen hat, und für 9 Kilo hat man ein Kilo Öl dafür bekommen. Ich hab dann mit dem Gips am Arm stundenlang ,Eckerle’ aufgelesen.”

Kriegsende, Heirat und Hausbau
Nach Kriegsende begann Walfried Morscher als Fahrer bei der Transportfirma Nigg zu arbeiten, die einen Gewerbeschein für die Güterzustellung in ganz Vorarlberg hatte. Zugleich konnte er die „Kriegsmatura” am Dornbirner Gymnasium nachholen.1947 konnten Walfried und Josefa Morscher endlich heiraten, denn im ersten Stock in der Stiegstraße 9, „beim Papa”, wurde die Mietwohnung frei. 1949 kam dort ihr erster Sohn Helmut zur Welt, kurz darauf Schwester Waltraud und Dietmar. Der Jüngste Hartwig wurde schon ins eigene Wüstenrot-Haus hinein geboren, das die Familie zwischen 1956 und 1958 mit einem Baukredit finanzierte. „Wir haben viel, viel selber gemacht. Den Großteil schon der Maurermeister, aber zum Beispiel die ganzen Böden haben wir selber gelegt. Das ist eine wunderschöne Zeit gewesen”, erinnert sich Walfried Morscher.

Von seiner zu früh verstorbenen Frau Josefa erzählt Walfried Morscher, sie habe gern gestrickt und geflickt. Für die Kinder hat sie ‚Söck’ gestrickt und alle haben ‚Sweater’ gekriegt. Nach seiner „Kriegsmatura” wäre Walfried Morscher eigentlich gerne Lehrer geworden, aber 1948 war er froh, dass er beim Finanzamt Feldkirch an der „Finanzkassa” eine Arbeit bekam. Um 1965 gab es einen Lehrermangel, darum wurde ein Abendkurs zur Ausbildung als Volksschullehrer an der Pädagogischen Akademie ausgeschrieben. Diese Gelegenheit ergriff Walfried Morscher. Vier Jahre unterrichtete er an der Volksschule Sulz, bevor er 1969 die Ausbildung zum Sonderschullehrer machte.

Gründung der Sonderschule Rankweil
An die Gründung der Sonderschule Rankweil im Jahr 1969 erinnert sich Walfried Morscher noch gut, vor allem an die eher provisorische Unterbringung in „Marte’s Stickerei” neben der Volksschule: „Da sind dann gleich fünf Klassen gewesen, ein Klo für Buben und Mädchen zusammen und kein ,Brünnele’ zum Waschen. Dort haben wir einfach zu wenig Platz gehabt.” Die Sonderschule stellte einen Antrag und trotz Widerstände wurde eine neue Unterbringung im Keller des Musikverein-Hauses gefunden. 1983, kurz vor seiner Pensionierung, konnte er noch den Einzug der Sonderschule in den Neubau am heutigen Standort miterleben. „Die 17 Jahre als Sonderschullehrer waren eine wunderschöne Zeit”, sagt Walfried Morscher und lacht.



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