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Dasein, Zuhören und ernst nehmen

Ein Besuch in der Offenen Jugendarbeit

Der Eingang des Jugendtreffs Planet liegt direkt an der Hinteren Ringstraße, mitten im Zentrum von Rankweil. Trotz der zentralen Lage, wissen viele nicht, welche wertvolle Arbeit hinter diesen Türen Sozialarbeiter/innen und freiwillige Mitarbeiter/innen leisten. Wir haben Claudio Herburger, Geschäftsführer der Offenen Jugendarbeit Rankweil, vor Ort getroffen und mit ihm über Herausforderungen und Chancen der Jugend von heute gesprochen. Hinter der unscheinbaren Tür fällt spärliches Tageslicht auf eine bunte Mischung an Second-Hand-Möbeln und eine Energiesparlampe flackert leise an der Decke. Der Jugendtreff Planet wirkt auf den ersten Blick etwas chaotisch. Doch Claudio erklärt, dass die Jugendlichen genau diese ungezwungene Atmosphäre sehr schätzen. „Wir versuchen uns möglichst nach der Erlebenswelt der Jugendlichen zur richten, um Offenheit und Akzeptanz zu vermitteln – zwei Eigenschaften, die in der Jugendarbeit unverzichtbar sind."

Jede und jeder zwischen 11 und 19 Jahren ist willkommen – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sonstiger Merkmale. Die Betreuer/innen sind einfach nur da, wenn sie gebraucht werden. Sie haben ein offenes Ohr, spielen gerne einmal eine Partie Tischfußball. Das Besondere an ihnen ist, dass sie keine Beratung aufdrängen, nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen. Vielmehr bauen sie ein Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen auf.

Begleitung über Jahre
So wie im Fall von Samet: 2007 kam er als 13-Jähriger erstmal in den Jugendtreff und erzählte, dass er gerne eine Heavy Metal Band gründen würde. Claudio half ihm bei der Suche nach Bandmitgliedern und einem passenden Proberaum. „Einige Jahre später – nach erfolgreichem Maturaabschluss – stand er plötzlich wieder vor mir und bat um ein Gespräch“, erzählt Claudio. „Er wollte gerne Musik studieren, die Eltern waren jedoch für Rechtswissenschaften. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen hatten, kam er mit diesem Dilemma erneut zu mir. Das hat mich ehrlich gefreut.“ Inzwischen absolviert Samet ein Masterstudium am Konservatorium in Wien.

Mitarbeit fördern
Claudio nutzt die Besuche der Jugendlichen im Jugendtreff Planet, um sie zur ehrenamtlichen Mitarbeit im Verein zu bewegen. Sein stärkstes Argument sind die zahlreichen Vorteile: Bietet die Offene Jugendarbeit beispielsweise eine Fahrt in den Europapark an, haben aktive Vereinsmitglieder das Vorrecht zur Teilnahme. Als Lohn für die freiwillige Arbeit verteilt die Offene Jugendarbeit Punkte: Wer genug davon gesammelt hat, kann sogar kostenlos mitfahren. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Aktionen, wie beispielsweise einer Austauschreise nach Finnland, welche aus Erasmus-Mitteln gefördert wird: Wer bei der inzwischen zwei Jahre andauernden Planung mitgearbeitet hat, darf für einen Selbstbehalt von 100 Euro daran teilnehmen. „Jugendliche erhalten so die Möglichkeit, an Veranstaltungen und Aktionen teilzunehmen, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Und wir haben eine weitere Möglichkeit, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten“, erklärt Claudio. „Oft hören wir in Gesprächen das eine oder andere durchklingen, können dann nachfragen, bohren aber nicht ewig nach. Das ist es, was die Offene Jugendarbeit ausmacht.“ Nur schwerwiegende Dinge werden – nach Erlaubnis der oder des Betroffenen – im Team behandelt. „Wir haben den Vorteil, dass der Vorarlberger Jugendanwalt im Vorstand der Offenen Jugendarbeit ist – er ist meist die erste Anlaufstelle für uns.“

Klare Regeln
Im Jugendtreff gibt es klare Regeln, an welche sich die Jugendlichen halten müssen. Bei Verstößen gibt es Hausverbot. Auch wenn es vorerst daran nichts zu rütteln gibt, lässt Claudio die Jugendlichen nicht im Stich. Er bietet ihnen an, sich mit ihm an einen Tisch zu setzen und über Lösungsmöglichkeiten für die Gründe des Hausverbots zu sprechen. „Wenn wir sehen, dass sich jemand bemüht, reichen wir natürlich gerne die Hand. Unsere Arbeit wirkt oft im Verborgenen erst viele Jahre später. Wir bemühen uns, die Weichen für die Zukunft der Jugendlichen richtig zu stellen – den richtigen Zug besteigen muss aber jeder selbst.“ Organisiert ist die Offene Jugendarbeit als Verein, welcher neben dem Alltagsbetrieb im Jugendtreff auch Ferienprogramme in den Schulferien, kostengünstige Nachhilfe, Musikproberäume oder spezielle Mädchen- und Burschenprogramme anbietet.

Neue Jugendwerkstatt
Direkt hinter dem Jugendtreff Planet hat im Mai eine Jugendwerkstatt für Koch-, Holz- und Nähworkshops eröffnet. Auf einer schmalen, unscheinbaren Treppe geht es hoch zu einer quadratischen Holzterrasse, auf der Biertische und Klappstühle zum Platznehmen einladen. Gleich beim Eingang ist die Küche untergebracht, welche laut Claudio eine ganz besondere Rolle spielt. „Gemeinsames Kochen und Essen bietet viele Möglichkeiten für persönliche Gespräche. Viele Jugendliche kennen das gar nicht und sind überrascht wie viel Spaß das Zubereiten von Nahrungsmitteln machen kann. Und ich muss gestehen: Auch für mich sind die gemeinsamen Mahlzeiten mit den Jugendlichen ein wichtiges Ritual geworden, das ich sehr genieße.“ Um die Kommunikation zu fördern, ist am Mittagstisch auch das Handy tabu – auch wenn das nicht immer auf Verständnis stößt: „Der Druck ständig erreichbar zu sein, ist unter den Jugendlichen enorm. Gleichzeitig gibt es immer mehr Bedarf nach Gesprächen und deutlich zu wenig Lob und Wertschätzung. Die Jugendlichen wissen, dass ich sie ernst nehme, sie wissen, dass ich da bin – in diesem Job braucht man Kontinuität. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr generationenübergreifende Projekte und mehr Wertschätzung für die Jugendlichen“, meint Claudio abschließend.

Facts Jugendtreff Planet
_ 90 Prozent der Jugendlichen sind zwischen 12 und 16 Jahre alt
_ 40 Prozent der Jugendlichen im Jugendtreff sind Mädchen, 60 Prozent Burschen
_ 2017 war der Jugendtreff Planet an 80 Tagen geöffnet
_ rund 1.800 Besuche von Jugendlichen pro Jahr

Öffnungszeiten Jugendtreff Planet
Mittwoch, 18.00 bis 21.00 Uhr
Samstag, 18.30 bis 22.00 Uhr

Kontakt

Offene Jugendarbeit Rankweil
Ringstraße 45
6830 Rankweil
T +43 699 10 44 81 77
www.ojar.at
ojar@rankweil.at