Seit einem Jahr gibt es in Rankweil einen gemeindeeigenen Waldkindergarten mit Standort im Seidengarten 13. Täglich geht es für die Kinder und Pädagog:innen hinaus zu ihrem Plätzchen im Frutzwald. Was diesen Ort zu einem besonderen Lern- und Lebensraum macht und warum dort kein Tag dem anderen gleicht, erzählt Leiterin Lisi Zimmermann im Interview.
Lisi Zimmermann: Der Waldkindergarten ist für uns ein ganzheitlicher Lebens- und Erfahrungsraum. Früher sagte man: „Der Gruppenraum ist der dritte Pädagoge.“ Für uns ist das keine Metapher, sondern Realität. Der Wald ist unser Raum, unser Lernfeld, unser Mitpädagoge. Er fordert und fördert auf eine ganz eigene Weise – durch Vielfalt, Wandel, Unvorhersehbarkeit. Wer im Wald arbeitet, weiß: Man muss nicht alles kontrollieren – man darf auch vertrauen. Kinder nehmen sich, was sie brauchen – wenn man ihnen den Raum dazu lässt.
Die Natur bietet Reize, die wohltuend sind – in einer Welt voller Reizüberflutung. Im Wald gibt es eine Vielfalt an Farben und Formen. Es gibt Stille, aber auch Klänge. Im Waldkindergarten spielen die Kinder, aufgrund des Mangels an vorgefertigten Spielsachen, ihre Spiele selbst. Und wenn mal Langeweile aufkommt, ist das kein Fehler – sondern eine Einladung, sich zu fragen: „Was will ich jetzt tun?“ Dieser Prozess fördert die intrinsische Motivation, Selbstwirksamkeit und Problemlösungsfähigkeit – Kompetenzen, die man nicht durch künstliche Intelligenz ersetzen kann.
Unser Bildungsauftrag entspricht dem bundesweiten Bildungsrahmenplan – nur unser Zugang ist ein anderer. Lernen geschieht bei uns über unmittelbare Erfahrungen in der Natur. Mathematik wird beim Schätzen von Längen, beim Zählen von Schneckenhäusern oder beim Vergleichen von Spuren begreifbar. Sprachförderung findet statt, wenn Kinder am Feuer Geschichten erfinden oder im Rollenspiel mit Moos und Stöcken fantasievolle Dialoge führen. Naturwissenschaftliches Denken entwickelt sich durch Staunen – etwa über Frostblumen am Morgen.
Und soziale Kompetenzen wachsen, wenn die Kinder gemeinsam einen Unterschlupf bauen oder sich gegenseitig helfen, über den Bach zu balancieren. So entsteht Bildung auf ganzheitliche Weise – mit Kopf, Herz und Hand.
Ja! Auch wenn wir einen sehr schönen Gruppenraum zur Verfügung haben, sind wir täglich mindestens 1,5 Stunden draußen, selbst im Winter. Ausnahme waren heuer drei Tage, in denen wir in die Turnhalle gegangen sind, was auch mal toll ist.
Überraschend gut. Natürlich ist es unsere Aufgabe, Kinder – besonders bei kalten Bedingungen – in Bewegung zu bringen. Aber sie erfahren schnell: Nässe ist kein Weltuntergang. Auch Schmutz ist kein Problem. Auch ich habe das schnell „gelernt“ und lebe es den Kindern nun vor. Wir alle genießen es aber natürlich, wenn das Wetter mitspielt – gerade im Sommer ist unser schattiges Waldplätzchen herrlich.
Unser Grundsatz lautet: Gefahren erkennen, statt sie zu vermeiden. Im Wald begegnen Kinder echten Herausforderungen, von rutschigen Wurzeln über Lagerfeuer bis hin zu Werkzeugen. Das lehrt Verantwortung – nicht durch Belehrung, sondern durch Erfahrung. Durch den begleiteten Umgang mit Risiken lernen die Kinder nicht nur sich und ihre Grenzen kennen, sondern auch, Verantwortung zu übernehmen – für sich und andere. Mut entsteht nicht durch Belehrung, sondern durch Erfahrung.
Mit einem neu zusammengestellten Team und einer neuen Kindergruppe war der Start natürlich auch eine Phase des Findens. Vieles, was wir uns vorher überlegt hatten, mussten wir spontan anpassen. Und wir haben einen guten Weg gefunden. Ich bin sehr stolz auf unser Team und auf die Kinder, die in diesem einen Jahr unglaubliche Fortschritte gemacht haben. Das ist einfach schön zu sehen.
Wir freuen uns auf eine leicht vergrößerte Gruppe und erweiterte Öffnungszeiten. Ich bin sehr dankbar, für die Zusammenarbeit in der Gemeinde Rankweil und das große Vertrauen, das uns entgegengebracht wird. Es darf gerne so weitergehen.